Rooibos und Histamin – was ist über die Verträglichkeit bekannt?
Was bei der Herstellung von grünem und rotem Rooibos geschieht – und warum „fermentiert“ nicht automatisch „histaminreich“ bedeutet.
Ist Rooibos bei Histaminintoleranz geeignet? Naturbelassener Rooibostee wird von der Schweizerischen Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI) als in der Regel gut verträglich eingeordnet. Das ist für Betroffene eine hilfreiche Orientierung. Es bedeutet jedoch weder, dass für jede Rooiboscharge ein Histamingehalt von null gemessen wurde, noch dass jeder Mensch Rooibos gleich gut verträgt.
Besonders häufig sorgt eine andere Frage für Verwirrung: Warum heißt roter Rooibos „fermentiert“, während grüner Rooibos als „unfermentiert“ gilt? Führt dieser Unterschied auch zu mehr Histamin? Die Antwort wird verständlicher, wenn man drei verschiedene Vorgänge auseinanderhält.
Histamin im Lebensmittel
Kann unter passenden Bedingungen durch den Stoffwechsel bestimmter Mikroorganismen entstehen.
Oxidation bei Rooibos
Verändert pflanzliche Inhaltsstoffe und färbt roten Rooibos rotbraun – ein anderer chemischer Prozess.
Histamin im Körper
Wird unter anderem von Mastzellen freigesetzt und erfüllt dort natürliche Aufgaben.
Wie wird Rooibos in Histamin-Verträglichkeitslisten eingestuft?
Die SIGHI-Lebensmittelliste führt naturbelassenen Rooibostee mit dem Wert 0: Er gilt dort als üblicherweise gut verträglich. Zugleich weist die Liste darauf hin, dass unter der Bezeichnung Rooibos auch Teemischungen angeboten werden, deren weitere Zutaten individuell problematisch sein können.
Wichtig zur Einordnung: Die SIGHI-Zahl 0 ist eine Verträglichkeitseinstufung und kein Laborergebnis von 0 mg Histamin. Sie beschreibt auch keinen garantiert identischen Histamingehalt aller Ernten, Erzeuger und Produkte.
Für jemanden, der gezielt nach einem Rooibostee sucht, ist deshalb die Unterscheidung zwischen reinem Rooibos und Rooibosmischungen wesentlich. Welche Zutaten enthalten sind, lässt sich am jeweiligen Produktetikett nachvollziehen.
Wie entsteht Histamin überhaupt in Lebensmitteln?
Histamin ist ein sogenanntes biogenes Amin. Bei der Lebensmittelherstellung kann es entstehen, wenn bestimmte Mikroorganismen mithilfe eines Enzyms, der Histidin-Decarboxylase, die Aminosäure Histidin in Histamin umwandeln. Ein solcher Vorgang ist beispielsweise bei unsachgemäß gelagerten eiweißreichen Lebensmitteln oder bei bestimmten mikrobiellen Reifungsprozessen von Bedeutung.
Ob Histamin entsteht, hängt jedoch von mehreren Voraussetzungen zugleich ab: Es müssen ausreichend zugängliche Ausgangsstoffe, passende Mikroorganismen und geeignete Bedingungen vorhanden sein. Dazu gehören Feuchtigkeit, Temperatur, Zeit und die hygienische Verarbeitung. Ein Lebensmittel wird also nicht allein dadurch histaminreich, dass man es lagert, trocknet oder als „fermentiert“ bezeichnet.
Auch die Wasserverfügbarkeit spielt eine Rolle. Je weniger Wasser für Mikroorganismen verfügbar ist, desto stärker wird ihre weitere Vermehrung normalerweise begrenzt. Bereits gebildetes Histamin wird durch Trocknung oder gewöhnliches Erhitzen allerdings nicht zuverlässig entfernt.
Warum bedeutet „fermentierter“ roter Rooibos nicht automatisch mehr Histamin?
Weil bei der traditionellen Rooibosfermentation vor allem eine Oxidation pflanzlicher Inhaltsstoffe stattfindet. Nach dem Schneiden und Bearbeiten des Pflanzenmaterials reagieren insbesondere Polyphenole unter Beteiligung pflanzeneigener Enzyme. Dadurch entwickelt roter Rooibos seine typische rotbraune Farbe und sein anderes Aromaprofil.
Bei einer mikrobiellen Histaminbildung läuft dagegen eine ganz andere Reaktion ab: Mikroorganismen wandeln Histidin in Histamin um. Die Rotfärbung des Rooibos ist deshalb für sich genommen kein Nachweis einer solchen Histaminbildung.
| Merkmal | Grüner Rooibos | Roter Rooibos |
|---|---|---|
| Herstellungsprinzip | Ausgeprägte Oxidation wird möglichst begrenzt. | Oxidation pflanzlicher Inhaltsstoffe wird gezielt zugelassen. |
| Trocknung | Erfolgt zeitnah, um weitere Oxidation zu begrenzen. | Erfolgt nach der traditionellen Oxidationsphase. |
| Ist die Oxidation selbst Histaminbildung? | Nein. | Nein. |
| Lässt sich aus der Verarbeitung ein exakter Histamingehalt ablesen? | Nein. | Nein. |
| Ist eine Variante nachweislich generell besser verträglich? | Für einen solchen pauschalen Vergleich fehlen belastbare direkte Untersuchungen. | |
Die Bezeichnung „fermentiert“ ist bei Rooibos also historisch und lebensmitteltechnologisch gebräuchlich, kann aber in die Irre führen, wenn man sie mit einer mikrobiellen Gärung wie bei manchen anderen Lebensmitteln gleichsetzt.
Ist grüner Rooibos deshalb bei Histaminintoleranz die bessere Wahl?
Das lässt sich wissenschaftlich derzeit nicht pauschal sagen. Grüner Rooibos wird rascher getrocknet, um die Oxidation möglichst zu begrenzen. Das kann zugleich die Zeit verkürzen, in der feuchtes Pflanzenmaterial für mikrobielles Wachstum günstige Bedingungen bietet. Daraus folgt jedoch kein automatisch niedrigerer Histamingehalt als bei rotem Rooibos.
Für eine belastbare Aussage müssten tatsächlich gemessene Histamingehalte vergleichbarer grüner und roter Rooiboschargen vorliegen – unter Berücksichtigung von Rohware, Verarbeitung und Lagerung. Solche repräsentativen direkten Vergleiche haben wir in der ausgewerteten Forschung nicht gefunden.
Ein Beispiel aus der Herstellung: Skimmelberg beschreibt für seinen grünen Rooibos einen kurzen Arbeitsablauf: Ernte am Morgen, anschließendes Schneiden und Ausbreiten zur Trocknung sowie Einsammeln innerhalb weniger Stunden. Diese Angabe erklärt die angestrebte schnelle Verarbeitung, ist aber keine Histaminanalyse der betreffenden Ware.
Wer die Unterschiede zwischen den beiden Varianten auch geschmacklich verstehen möchte, findet eine ausführliche Erklärung auf unserer Wissensseite „Grüner Rooibos – Aroma, Geschmack und Qualität“.
Warum besitzt unser Körper selbst Histamin?
Histamin ist nicht nur ein Stoff, der über Lebensmittel aufgenommen werden kann. Der menschliche Körper bildet es auch selbst. Histamin wirkt unter anderem als Botenstoff bei Immunreaktionen, bei der Regulation der Magensäure und im Nervensystem. Bestimmte Immunzellen – insbesondere Mastzellen – speichern Histamin und können es bei Aktivierung freisetzen.
Zum Abbau aufgenommenen Histamins trägt im Darm vor allem das Enzym Diaminoxidase (DAO) bei. Andere Abbauwege, darunter die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT), sind ebenfalls Teil des körpereigenen Histaminstoffwechsels. Das ist komplexer als die Vorstellung, jedes histaminhaltige Lebensmittel müsse zwangsläufig Beschwerden hervorrufen.
Unter dem Begriff „Histaminintoleranz“ werden Beschwerden im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln und Histamin diskutiert. Die Ursachen sind allerdings nicht immer eindeutig zu bestimmen. Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass ein einzelner DAO-Blutwert keine verlässliche Diagnose liefert. Die individuelle Vorgeschichte und die Abklärung anderer möglicher Ursachen spielen deshalb eine wichtige Rolle.
Was untersucht die Wissenschaft zu Aspalathin und Mastzellen?
Hier treffen zwei Forschungsgebiete aufeinander, die oft verwechselt werden: Histamin, das in einem Lebensmittel vorhanden sein kann, und Histamin, das körpereigene Zellen freisetzen.
Eine Forschungsgruppe um Kim untersuchte den Rooibospflanzenstoff Aspalathin in Zellkulturen und Mausmodellen allergischer Reaktionen. Unter den jeweiligen Versuchsbedingungen wurden Veränderungen der Mastzellaktivierung und Histaminfreisetzung beobachtet. Die Untersuchungen bezogen sich auf isoliertes Aspalathin und bestimmte experimentelle Signalwege – nicht auf den Konsum handelsüblichen Rooibostees bei Menschen mit Histaminintoleranz.
Die interessante Forschungsfrage: Kann ein Pflanzenstoff zelluläre Prozesse beeinflussen, an denen Histamin beteiligt ist? Das lässt sich im Labor untersuchen. Ob eine Tasse Rooibos bei Histaminintoleranz hilft, wurde damit nicht nachgewiesen.
Wer sich für Aspalathin, Polyphenole und ihre Aufgaben in der Pflanze interessiert, kann die Zusammenhänge auf der Seite über Rooibos – Inhaltsstoffe und Pflanzenchemie vertiefen. Die Ergebnisse von Zell- und Tierversuchen gehören in die gesonderte Forschungsübersicht.
Was haben Rooibos, Darmbakterien und biogene Amine miteinander zu tun?
Auch Darmmikroorganismen bilden verschiedene Stoffwechselprodukte, darunter bestimmte biogene Amine. In einer Studie von Pretorius und Mitarbeitenden (2022) wurden grüne und rote Rooibosextrakte zu ausgewählten Mikroorganismenkulturen gegeben. Die Forschenden beobachteten Veränderungen des mikrobiellen Wachstums und der Bildung bestimmter Amine, darunter Putrescin und Tryptamin.
Diese Untersuchung liefert interessante Hinweise darauf, dass Rooibosbestandteile mit mikrobiellem Stoffwechsel wechselwirken können. Sie ist jedoch keine Messung des Histamingehalts von Rooibostee und kein Beleg dafür, dass Rooibos beim Menschen Histaminprobleme beeinflusst. Solche Unterschiede zwischen Laborversuch und Alltag sind für die Einordnung wissenschaftlicher Ergebnisse entscheidend.
Worauf lässt sich bei der Auswahl von Rooibostee achten?
Wer Rooibos wegen einer möglichen Histaminunverträglichkeit in Betracht zieht, kann zunächst drei Dinge unterscheiden:
- Reiner Rooibos oder Mischung? Bei puren Produkten besteht die Zutatenliste nur aus Rooibos. Mischungen können weitere Kräuter, Früchte, Schalen oder Aromen enthalten.
- Herstellung und Lagerung: Sorgfältige Trocknung und trockene Lagerung sind allgemeine Qualitätsmerkmale, auch weil sie Bedingungen für unerwünschte mikrobielle Prozesse begrenzen.
- Individuelle Reaktion: Eine Lebensmittelliste beschreibt typische Erfahrungen, aber nicht die persönliche Verträglichkeit. Bei wiederkehrenden Beschwerden ist eine medizinische Abklärung sinnvoller als eine pauschal immer strengere Vermeidungsliste.
Wenn bei einem bestimmten Produkt die Frage nach seinem exakten Histamingehalt im Mittelpunkt steht, kann sie nur durch eine geeignete produktspezifische Analyse beantwortet werden – nicht durch die Bezeichnung „grün“, „rot“ oder „fermentiert“.
Was lässt sich über Rooibos und Histamin zusammenfassend sagen?
Naturbelassener Rooibostee wird häufig als gut verträglich eingeordnet. Der bei rotem Rooibos gebräuchliche Begriff „Fermentation“ beschreibt hauptsächlich die Oxidation seiner pflanzlichen Inhaltsstoffe und ist kein Nachweis für einen erhöhten Histamingehalt. Grüner Rooibos wird anders verarbeitet, ist aber nicht deshalb automatisch als histaminfrei oder generell besser verträglich einzustufen.
Die wissenschaftliche Forschung stellt daneben weitere Fragen: Wie werden biogene Amine von Mikroorganismen gebildet, und wie reagieren Mastzellen auf bestimmte Pflanzenstoffe? Das macht Rooibos als Forschungsthema interessant, ohne die Unterschiede zwischen Lebensmittelinhaltsstoffen, individuellen Beschwerden und Laborergebnissen zu verwischen.
Quellen und wissenschaftliche Arbeiten
- SIGHI: Lebensmittelliste – praktische Einstufung von naturbelassenem Rooibos und Hinweise zu Mischungen.
- Allergieinformationsdienst: Histaminintoleranz – diagnostische Fragen und Grenzen einzelner Laborwerte.
- Reese et al. (2021): Leitlinie zum Vorgehen bei Verdacht auf Unverträglichkeit gegenüber Histamin – Einordnung der Beschwerden und des diagnostischen Vorgehens.
- Rooibos-Forschung zur enzymatischen Oxidation (2019) – die Rolle pflanzeneigener Enzyme während der sogenannten Fermentation.
- Kim et al. (2024): Aspalathin und Mastzellaktivierung – Zell- und Mausmodelle, keine klinische Rooibosstudie.
- Pretorius et al. (2022): Rooibos und biogene Amine in Mikroorganismenkulturen – experimentelle Untersuchungen von mikrobiellem Wachstum und Aminprofilen.